Zungendiagnose in der TCM

 

Die Zungendiagnose ist ein Diagnose- und Untersuchungsverfahren der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Die chinesische Medizin legt ihr Hauptaugenmerk auf das äußere Erscheinungsbild und das Verhalten des Patienten. Das äußere Erscheinungsbild,  wie die Haltung, der Geruch, die Gesichtsfarbe, die Zunge, etc. wird als Spiegelung von inneren Vorgängen gesehen.

Die ersten Aufzeichnungen zur Zungendiagnose finden sich auf Orakelknochen schon in der Shang-Dynastie (16 Jhd. v. Chr. bis 1066 v. Chr.) und sie entwickelte sich bis heute durch die Beobachtungen und Theorien verschiedener Schulen und wurde immer präziser und konkreter. Durch diese jahrtausende alte Entwicklung wurde der Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und der energetischen Veränderungen der Zunge immer deutlicher. So zählt die Zungendiagnostik zur Hauptdiagnoseverfahren der TCM.
In der Chinesischen Medizin geht man davon aus, dass die Zunge mit inneren Organen, Meridianen, Blut, Körperflüssigkeiten und dem Qi (der Lebensenergie) verbunden ist.

Lokalisationen der Organe auf der Zunge nach TCM:

Das Herz findet man an der Zungenspitze, dicht dahinter kommt die Lunge, in der Mitte der Zunge dann der Bereich für Milz und Magen, ganz hinten am Zungengrund die Harnblase, die Niere und der Darm. Am Zungenrand rechts vom Magenbereich liegt die Gallenblase, links die Leber.

Was sieht man auf der Zunge?

Das Aussehen der Zunge ist abhängig von vielen Faktoren, wie von der Energie und dem Zustand der  Zang-Fu-Organen.
Die Yin-Organe Milz, Leber, Herz, Lunge und Niere werden Zang-Organe (Speicherorgane) genannt. Sie speichern, bilden und transformieren die so genannten reinen Substanzen Qi (Lebensenergie), Blut und Jing (Essenz), welche durch den Körper zirkulieren und den Körper befeuchten und nähren. Die Yang Organe, wie der Magen, Dickdarm, Dünndarm, Gallenblase, Blase und Dreifacher Erwärmer dagegen werden Fu-Organe genannt. Sie sorgen für die Aufnahme, Trennung, Verteilung und Ausscheidung von Körpersubstanzen.
Weiterhin ist das Aussehen der Zunge abhängig von der Menge des Blutes, d.h. ob ausreichend Blut vorhanden ist, um die Zunge zu nähren. Und auch das Qi muss kräftig sein, damit Flüssigkeiten und Blut zu Zunge transportiert und abtransportiert werden.

Die Zunge hat energetische Verbindungen zu verschiedenen Organen.

Viele Meridiane und ihre inneren Verläufe ziehen direkt zur Zunge und beeinflussen dadurch ihr Aussehen.
Die Zunge wird über verschiedene Organe versorgt, die Milz verarbeitet die Nahrung und ist an der Blutbildung beteiligt. Sie gibt der Zunge ihre Form und ihre Farbe. Das Herz lässt das Blut zirkulieren und ist in der chinesischen Medizin für die Sprache zuständig. Der Magen ist die Quelle der Flüssigkeiten und macht den Zungenbelag und die Feuchtigkeit der Zunge aus. Der Speisebrei verrottet und reift im Magen während des Verdauungsprozesses, dabei entstehen unter anderem Dämpfe, die aus dem Magen nach oben bis zur Zunge aufsteigen und bilden dort den Zungenbelag.

Ist der Magen schwach, so fehlt es an Zungenbelag und die Zunge kriegt langfristig Risse, vor allem in ihrem Zentrum.
Herrscht eine Anämie (Blutarmut) vor, so ist die Zunge blass und trocken und bei chronischer Blutarmut wird sie irgendwann dünn und klein. Liegt eine Milz-Qi-Schwäche (Energieschwäche der Milz) vor, kann nicht ausreichend Blut gebildet werden, die Zunge ist blass. Und da die Milz außerdem noch für die Transformation der Flüssigkeiten zuständig ist, kommt es zur Flüssigkeitsansammlung im Körper, die auch auf der Zunge sichtbar wird. Die überschüssige Feuchtigkeit ist als Zahnmarken an den Zungenrändern zu sehen und die Zunge ist nass und der Zungenkörper ist geschwollen und wirkt groß.
Ist der Körper schwach an Qi und an Yang, können Blut und Flüssigkeiten im Körper nicht ausreichend bewegt werden, dann sieht die Zunge wie folgt aus: nass (Flüssigkeiten können nicht abtransportiert werden), blass (das Blut kann nicht in die Zunge gebracht werden), bläulich (das Yang gibt der Zunge Wärme und ihre rote Farbe).

 

Vor- und Nachteile der Zungendiagnose

Vorteile:

- die Farbe des Zungenkörpers spiegelt die tatsächliche Kondition des Patienten
- sie ist objektiver als die Pulsdiagnose
- für Therapeuten leicht zu erlernen
- sie gibt wertvolle Hinweise bei chronischen Erkrankungen,
- und bei akuten Erkrankungen sind schon nach sehr kurzer Zeit(wenige Stunden bis Tage) Belagveränderungen sichtbar,
- der Patient kann es selbst zu Hause kontrollieren und den Therapieverlauf verfolgen

Nachteile:

- die Zungendiagnose ist nicht präzise genug bei der Diagnosestellung. Zum Beispiel sind Zahnmarken am Zungenrand ein Hinweis auf eine Ansammlung von Flüssigkeiten im Körper. Jedoch kann diese Flüssigkeitsansammlung ganz unterschiedliche Ursachen haben. Entweder liegt eine Milz-Qi-Schwäche vor. Die Milz ist zu schwach, um die Flüssigkeiten zu transformieren und die Flüssigkeit bleibt stehen. Als zweites kann die Ursache eine chronische Yang-Schwäche sein, weil das Yang des Körpers zu schwach ist, um die Flüssigkeiten zu bewegen. Oder auch eingedrungene Kälte kann Flüssigkeiten stagnieren und diese blockieren lassen. Aus all diesen genannten Gründen kann sich Flüssigkeit auf der Zunge zeigen, der Therapeut muss aufgrund der Beschwerden und des Pulses die richtige Diagnose stellen.

- die Beschaffenheit des Zungenbelags und die Farbe der Zunge kann sich  durch Medikamenteneinnahmen verändern, z.B. durch Antibiotikaeinnahme (der Belag schält sich), oder durch Diuretika (Medikamente zur Unterstützung der Urinausscheidung, der Belag fehlt), während einer Chemotherapie (dicker, trockener, schwarzer Zungenbelag)

- wenn der Patient kurz vor der Behandlung Nahrungsmittel eingenommen hat, die Zunge anfärben, wie rote Beete, roten Saft, Kaffee, Bonbons, Tabak, etc.

- durch die Anwendung von Zungenbürsten wird der Belag abgekratzt

 

Worauf untersucht man die Zunge?

Wichtig ist die Oberfläche (Belag, Farbe, Pickel, Risse), Größe (groß, klein), Form (dünn, geschwollen, einseitig geschwollen), Spannkraft (steif, schlaff) und Beweglichkeit (zittrig, unwillkürliche Bewegungen), sowie die Unterseite der Zunge mit den Venen (Blutgefäße, die gestaut sein können). Man betrachtet die Zunge zunehmend als Träger von Reflexzonen für den gesamten Körper.

1) Zungenkörperfarbe

Damit ist gemeint die Farbe des Zungenkörpers, unabhängig vom Zungenbelag. Die Farbe des Zungenkörpers zeigt die wahre Kondition des Körpers und ist der wichtigste Aspekt der Zungendiagnose. Die Zungenkörperfarbe ist unabhängig von kurzfristigen Veränderungen wie Stress, körperliche Anstrengung, etc.
Die Farbe des Zungenkörpers kann sehr unterschiedlich sein, von blass (Blutarmut, Yang-Schwäche, Qi-Schwäche), bis rot (Hitze im Körper), livide und blau (Kälte im Körper oder in den Meridianen, oder auch starke Stagnationen im Körper)

2) Zungenkörper

Betrachtung des Zungekörpers auf ihre Beschaffenheit, d.h. ist die Zunge dick, dünn, geschwollen, kurz oder lang. Beurteilung der Zungenoberfläche auf Risse und Defekte und auf Geschwüre in den jeweiligen Abschnitten der Organe.
Ist die Zunge schlaff, steif, hat sie unwillkürliche Bewegungen oder neigt sie zu einer Seite

3) Zungenbelag

Der Zungenbelag gibt Auskunft über den energetischen Zustand des Körpers, ist mehr Hitze oder Kälte vorhanden. Dabei wird die Farbe des Belags beobachtet.  Gelber Belag ist Zeichen für Hitze, weißer Belag zeigt Kälte an. Die dicke des Belags gibt Auskunft über die Stärke des pathogenen Faktors, d.h. je dicker der Belag desto stärker der pathogene Faktor (Wind, Hitze, Kälte, etc.) im Körper. Und zu guter Letzt die Verteilung des Belags  in Bezug auf die Organe, d.h. es können verschiedene Belagfarben auf der Zunge herrschen, darüber erfährt der Therapeut ob eine Erkrankung sich nach Körperinnere ausbreitet oder ob es nach Außen gedrängt wird.
Lokal begrenzter Zungenbelag kann auch ein Indiz  dafür sein, dass das energetische Ungleichgewicht auf bestimmte Organe lokal begrenzt ist.

4) Feuchtigkeit der Zunge

Die Feuchtigkeit gibt Auskunft über die Verteilung und den Zustand der Körperflüssigkeiten. Ist die Zunge trocken, so wird ein Mangel an Flüssigkeiten herrschen und ist die Zunge zu nass, gibt es eine Flüssigkeitsansammlung.

 

Wie sieht eine normale Zunge aus?

Ihre Farbe ist blas-rot und die Zunge wirkt lebendig,  die Zunge ist weder steif noch zu schlaff, es fehlen Geschwüre, Pickel, oder Risse auf der Zunge. Der Zungenbelag ist dünn und weiß und die Zunge ist nur bisschen feucht, weder zu nass noch zu  trocken.

Ich werde in den nächsten Tagen einige Zungenbilder mit Erklärungen und dazugehörigen TCM-Diagnosen in meinen Blog stellen, die ich in meiner Praxistätigkeit zusammengestellt habe.  Sie finden dort spannende Erläuterungen zu den Zungen und können überprüfen, ob Sie sich da wieder finden.

Menu